DIE KRISENRIESEN

                                                                Welf Ortbauer

DIE KRISENRIESEN

Als ich neulich an einem Mittwoch vormittags etwas Geld von meiner Bank holen wollte, war diese geschlossen. Ich wusste, dass Banken ungestört bleiben wollten und Montag bis Freitag mit Ausnahme Mittwoch Vormittag nicht mehr geöffnet hatten, aber dass den Bürgen der Zutritt zur Selbstbedienungsmaschinenhalle, in der die Kunden ja schließlich gratis die Arbeit der Bankbediensteten  verrichteten, um sie wegzurationalisieren zu helfen, war neu.

Ein Banker in schwarz kam gerade des Weges (oder war er auf der Flucht?) und antwortete auf meine Frage, ob das eine Maßnahme gegen die täglich fälligen Banküberfälle sei, mich scheinbar oder absichtlich missverstehend mit unheilschwangerer Mine:

„ Eine Bank hat bisher noch nie jemanden überfallen. Wir hatten andere Mittel, an Geld zu kommen, aber nun steht die große Krise vor der Tür…“

„Ach so, die blockiert den Eingang?“

„Nein, wir müssen jetzt von jedem Eintritt verlangen. Sie brauchen eine Eintrittskarte, damit Sie ins Foyer kommen. 1000 Euro bitte! Wir haben auch günstige Monatskarten für 5000 Euro. Sie müssen verstehen – es ist eine Riesenkrise!“

„Ja aber Riesen gibt es doch seit urdenklichen Zeiten schon nicht mehr – wie sollten die eine Krise haben – oder gibt es irgendwo noch ein Riesenpaar und das hat eine Krise?“

„Nein, sie verstehen das falsch – Riesenunternehmen wie wir sind riesig anfällig, Sie wissen die Globalisierung. Andererseits überleben nur Bankriesen…“

„Dann müssten Sie doch ein paar Riesen über haben. Ich übernehme gerne welche, wenn’s gegen die Krise hilft.“

„Als unser Kunde könnten Sie einen Kredit, in der jetzigen Situation einen Zwergenkredit bekommen – gegen Riesenzinsen.“

„Aha – wenig Geld gegen hohe Gebühren. Das kann ich mir nicht leisten. Ich fürchte, ich muss in „Miesen“ wegen der Riesen: Habe noch offenen Rechnungen beim Stromriesen, eine unbezahlte Handyrechnung meines Kindes beim Telekorruptriesen, muss noch Pakete ins Ausland bei der Posträuber AG  aufgeben, mein Monatsgehalt für ein paar Tropfen Treibstoff bei einem Ölgiganten ins Fass ohne Boden werfen, einer Schweindl-Anlegerbank zum Riesenverlust beisteuern, einem Pharmariesen Geld und Gesundheit opfern, einer farblosen Partei Schwarzgeld spenden, eine Teufelsspirale…um mich dreht sich alles!“

„Sie sind krisengeschüttelt!“

„Nein, ich spüre einen Riesenschwindel!“

„Passen Sie auf, dass Sie nicht in eine private Schuldenkrise schlittern!“

„Man redet uns doch ein: mehr privat, weniger Staat!“

„Ja – je mehr private Schulden Sie haben, desto weniger hilft Ihnen der Staat. Wie soll er auch, er hat selber nichts mehr. Alles privatisiert. Alles in der stets offenen Hand der Aktionäre, dem Staat bleibt die Leere. Wenn alles privat, ist’s aus mit dem Staat! So ist diese Forderung mehr privat, weniger Staat zu verstehen. Und sie ist fast verwirklicht… ein paar Riesenrettungsschirme noch…“

„Wozu brauchen wir die eigentlich?“

„Um den Sturz von Finanzriesen abzufangen. Sie stürzen sich ja selbstlos auf jedes Land. Aber nicht um dieses, sondern um sich selbst zu retten und wenn der Fallschirm sie sicher zu Boden gebracht hat, dann wollen sie gleich wachsen und wachsen und wachsen…Riesen eben.“

„Ah – das Wachstum der Riesen sichern….jetzt verstehe ich: die Riesenkrisen dienen den Krisenriesen, die vermehren sich auf unsere Kosten, werden größer, unheimlicher, mächtiger,

gefräßiger, sie brauchen Krisen, um sich anstopfen zu können… je mehr Krisen, desto besser für Riesen.“

Der Banker schwieg, drückte seinen schwarzen Koffer an sich und murmelte: „Sie entschuldigen, ich muss mich um meine Riesen…äh Anleger kümmern! Nur ein Tip –

achten Sie auf den Dax !“

„Zu blöd, den hat mein Freund gestern auf der Jagd erlegt.“

In einem nächtlichen Albtraum umringten mich riesige Gestalten: Finanzhaie, Riesensparschweine, Spekul-Anten mit Riesenschnäbel, Geier mit Krakenarmen, Superblutsauger mit 1000 Rüsseln, Wertpapiervampire, Riesenratten mit Invest-Ohren und sonstige Schimären. Alle faselten, sie müssten sich von Aktien nähren.

Selbst im Traum erkannte ich, dass sie sich in Wirklichkeit von dem Geld anderer ernährten: von unseren Gehältern, Pensionen, Erarbeitetem, Erspartem, von unserer Lebensenergie…

Ohne Anstrengung wuchsen und wuchsen sie, indem sie ihre Opfer „gesundschrumpften“

Da waren die Wirtschaftskrisenriesen, die Schuldenkrisenriesen, die Währungskrisenriesen, die Versorgungskrisenriesen, die Energiekrisenriesen, die Bildungskrisenriesen, die Gesundheitskrisenriesen, Parteienkrisenriesen, Glaubenskrisenriesen und unzählige noch auf ihre Namen wartende Krisenriesen.

Und sie trugen Masken großer Politiker, Weltenlenker, Konzernbosse, Manager, Experten, Lobbyisten, Medienmogule, Waffenproduzenten und sonstiger Magnaten. Die Schatten der Krisenriesen verdunkelten die Erde, der ohne Licht die Luft ausging wie dem Konto eines braven Arbeiters vor Monatsende.

Um den Albtraum zu verarbeiten, legte ich mich ins Gras der Riesenwiese und dachte wehmütig an Rübezahl und Co, die Riesen ohne Krisen. Ich denke, wir lassen uns den Glauben an Märchen am besten nicht nehmen.

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